Weg zum Trainingskonzept der HAB

Die Spielfähigkeit im Handball -

Das "Was" (Didaktik) und das "Wie" (Methodik)

Die Fähigkeit „Handball zu spielen“ fasziniert viele Menschen in der ganzen Welt. Besonders stark ausgeprägt ist die Begeisterung in Europa. Handball ist nach Fußball die zweitbedeutendste Sportart.

Dänemark holt sich den Titel

Dänemarks Handballer haben den Traum Serbiens von drei Final-Triumphen platzen lassen und fahren als Europameister zu den Olympischen Spielen nach London. Der WM-Zweite gewann vor der stimmungsvollen Kulisse von 20.000 Zuschauern in Belgrad das EM-Endspiel gegen den Gastgeber mit 21:19 (9:7). Die Dänen beerben mit ihrem zweiten EM-Titel nach 2008 Frankreich.

Die Fähigkeit auf höchstem Niveau Handball zu spielen kann gezielt entwickelt werden. Dabei sollten die Ergebnisse der Wissenschaft für den Lernprozess, Entwicklung der Spielfähigkeit, genutzt werden und in ein didaktisch – methodisches Konzept der Spielfähigkeit im Handball übergeführt werden.

Anfänglich spricht man von einer fundamentalen Spielfähigkeit, dann von einer Basis-Spielfähigkeit, die dann in die spezielle Spielfähigkeit und dann spezifische Spielfähigkeit des Handballers übergeht.

Die Didaktik beschäftigt sich mit der Zielsetzung, also dem „Was“ entwickelt werden soll und die Methodik gibt Auskunft über das „Wie“ das Ziel, also in welchen Lernschritten das Ziel mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich erreicht wird.

Die Nationalspieler Dänemarks, aber natürlich auch die Nationalspieler anderer Nationen überzeugen mit ihren Leistungen besonders durch eine erfolgsorientierte, überdurchschnittliche Spielfähigkeit. Daraus lässt sich ableiten, dass die

Entwicklung der Spielfähigkeit im Handball

oberste Zielsetzung ist. Beobachtet man Topspieler, dann kann man die Spielfähigkeit in folgende Komponenten unterteilen:

  1. Die hohe Präzision der Handlungen
  2. Die situationsangepasste Schnelligkeit der Handlungsausführung
  3. Das sehr große Handlungs- bzw. Aktionsrepertoire der Spieler
  4. Großer Entscheidungswille und konsequente Verantwortungsübernahme
  5. Hohe Erfolgsquote der Entscheidungen

Oberste Zielsetzung für die Ausbildung im Handball ist es also die Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie das Entscheidungsverhalten so zu entwickeln, dass der Handballer und die Handballerin die obengenannten Kriterien der Spielfähigkeit auf möglichst hohem Niveau erfüllen können.

Natürlich müssen die genetischen Voraussetzungen vorhanden sein, dass das möglich ist, aber die leistungsorientierte Ausbildung darf sich keine anderen Ziele setzen, damit sie den internationalen Ansprüchen gerecht wird.

Eine besonders wichtige Rolle in der Ausbildung spielen die Trainer.

Betrachten wir das Oberstziel „Spielfähigkeit“ mit den dazugehörigen Kriterien, können wir daraus bereits die erste der folgenden vier Fragen beantworten:

  1. Welche didaktische Konzeption erfüllt die Anforderungen der Entwicklung der Spielfähigkeit im Handball
  2. Welche methodischen Strategien sind bei der Umsetzung zu bevorzugen
  3. Welche Schwerpunkte werden in den einzelnen Leistungs- bzw. Altersstufen gesetzt
  4. Wie werden die Schwerpunkte erfolgreich (methodisch) trainiert

Alle diese Fragen zu beantworten ist Aufgabe dieser Arbeit geworden. Mit den Antworten und den dazu aufgeführten Beispielen sollte es möglich sein die Trainerarbeit in allen Leistungs- und Altersstufen, besonders im Leistungstraining ab dem 2. Jahr B-Jugend zu verbessern.

Die didaktische Konzeption

  1. Ausbildungsziele:
    - Hohe Präzision der Handlungen
    - Situationsangepasste Handlungsschnelligkeit
    - Großes Handlungs- bzw. Aktionsrepertoire
    - Entscheidungsfähigkeit (Wille, Verantwortung, Führungsqualität)
    - Handlungsfähigkeit

  2. Festsetzung der Trainingsschwerpunkte für die einzelnen Leistungs- bzw. Altersstufen nach Fertigkeiten, Fähigkeiten (Koordination, Technik, Taktik, Kondition)

Die didaktisch-methodische Konzeption

An dieser Stelle müssen wir einen Blick auf die augenblickliche Situation unserer Kinder, die der Handballsport für sich gewinnen kann, werfen. Es zeigt sich, dass sich nicht immer die talentiertesten Kinder, besonders im männlichen Bereich - hier dominiert der Fußball - fürs Handballspielen entscheiden. Aber auch ganz allgemein zeigen die Kinder der heutigen Gesellschaft in Deutschland folgende Merkmale:

  - Koordinative Schwächen
  - Konditionelle Schwächen
  - Aufmerksamkeitsprobleme
  - Motivationsprobleme

Wir müssen von einer ungünstigen Ausgangssituation zu mit höchsten sportlichen Qualitäten ausgestatteten Zielen gelangen. Dies verlangt eine weitere, eine didaktisch-methodische Aufarbeitung des Lernweges.

Da Handball ein Ballspiel ist, steht an erster Stelle des Entwicklungsprozesses die handballübergreifende Ballschule und die Schulung breitgefächerter koordinativer Grundlagen. Danach folgt die handballgerichtete Ballschule und handballgerichtete motorische Entwicklung. Dann erst die handballspezifische Ballschule und motorische Ausbildung.

In jeder Stufe geht es um die Entwicklung von Koordination (Fähigkeiten), Technik (Fertigkeiten) und Taktik (situationsgerechtes Entscheiden).


Methodisch gesehen ist das „Ganzheitliche Lernen“ am erfolgreichsten. Diesem Leitbild wird durch das „Spielen lernen durch Spielen“ Rechnung getragen. In einer Spielreihe werden aufeinander aufbauende Spiele anforderungsgerecht so aneinandergereiht bis das Zielspiel erreicht wird. Trotzdem empfiehlt es sich immer wieder die Koordination, Technik und Taktik in Abschnitte zu zerlegen und auch in diesen Teilabschnitten zu üben (Übungsreihe).

Spielreihe als Hauptstraße – Übungsreihen als Nebenstraßen

Sowohl in der Spielreihe als auch in der Übungsreihe kommt der Korrektur eine große Bedeutung zu. Traineraufgabe ist es auf eine exakte Bewegungsausführung wertzulegen und auch die Kleinigkeiten zu beachten, das heißt besonders die motorischen Merkmale der Technik zu erkennen und zu bewerten. Solche Merkmale finden wir nicht nur in der Technik, sondern auch in den taktischen Systemen in Angriff und Abwehr. Sie können auch als Korrekturmerkmale verstanden werden.

Beispiel Technik: Torwurf oder Passbewegung. Wesentliche Korrekturmerkmale sind (a) der hohe Ellenbogen, (b) der Handgelenkeinsatz und (c) das Halten / Greifen des Balles.

Beispiel Taktik: Angriffssystem. Wesentliche Korrekturmerkmale sind (a) Auslösehandlung, (b) Laufwege (Schrittlänge und Timing) und (c) Entscheidungsalternativen.

Korrekturmerkmale für die Spielfähigkeit wären z.B.:

  - Auslösehandlungen durchführen
  - Auslösehandlungen erkennen und Folgehandlung
  - Richtiges Timing
  - Antizipative Handlungen
  - aktives Verteidigen
  - Handlungsschnelligkeit (Entscheidungsverhalten)
  - Präzision der Handlung
  - Übernahme von Verantwortung (Führungsrolle)

Die drei folgenden methodischen Prinzipien sind besonders für das erfolgreiche Erlernen der Spielfähigkeit im Handball von größter Bedeutung bei der Umsetzung in die Trainingspraxis:

  1. Vom Leichten zum Schweren
  2. Vom Einfachen zum Komplexen
  3. Vom Individuellen zur Gruppe

Daraus ergibt sich, dass im individuellen Lernprozess das Erlernen der Technik vor dem Einsatz der Technik stehen muss.

Aus Motivationsgründen ist es notwendig Abwechslung in die einzelnen Spiele und Übungen zu bringen, aber das mehrmalige und gezielte Wiederholen der gesetzten Ziele in den einzelnen Lernabschnitten ist für den Erfolg unumgänglich. Einerseits geht es hierbei um den Wiedererkennungswert, andererseits kann der Lernende Übungsinhalte nur durch Wiederholen festigen oder automatisieren.

Das Erreichen der gesetzten Ziele (motorisches Lernen) braucht Zeit. Beim Lernen und Trainieren werden biologische Anpassungsprozesse gestartet, die je nach Schwierigkeitsgrad (Komplexität) unterschiedliche Zeitfenster benötigen bis sie zu einem erkennbaren Fortschritt führen, der dann in der Spielpraxis auch erfolgreich eingesetzt werden kann.

Zeitfenster für 2 x wöchentlich Trainierende mit durchschnittlicher Begabung:

  - Motorische Veränderungen:
    4-6 Wochen bei einfachen Bewegungen bis 3-4 Monate bei komplexeren Abläufen. Sind ca. 7-32 Trainingstage
  - Ausdauertraining:
    5-10 Wochen. Sind ca. 10-20 Trainingstage

Das Zeitfenster für Schnelligkeit orientiert sich in erster Linie am Zeitfenster für motorische Veränderungen, weil Schnelligkeit nur bedingt trainierbar ist und im Wesentlichen beeinflusst ist durch die Automatisierung der Technik und die Reaktion und Antizipation.

Krafttraining (Halte- und Stützkrafttraining, allgemeines Krafttraining und spezielles Krafttraining - Athletiktraining)  sind langfristig, über mehrere Jahre, ausgelegt. Sie sind ganzjährig und altersgerecht in den Trainingsprozess einzuplanen und damit Bestandteil jeder Trainingseinheit. Auch im Athletiktraining ist das 6+1 Wochenprinzip zu beachten.

Des Weiteren ist es wichtig, dass den Sportlern in ihren Entwicklungsprozessen (langfristiger Leistungsaufbau) Regenerationszeiten gegeben werden. Da auch der langfristig- motorische Anpassungsprozess das neue Gleichgewicht auf höherem Niveau erst wieder finden muss, erfordert optimales Training eine Belastungsreduzierung für eine Woche nach ca. 6 Wochen Training.

Hier greift das 6+1 Wochenprinzip. D.h. 6 Wochen Training bestimmter (2-3) Trainingsschwerpunkte und dann 1 Woche Regeneration durch reduzierte Trainingsintensität und spielerische Trainingsformen. Trainingsschwerpunkte, die mehr als 6 Wochen benötigen, werden nach der Regenerationswoche im neuen Abschnitt weitertrainiert.

Während der 6 Wochen muss darauf geachtet werden, dass die einzelnen Einheiten aufeinander aufbauen und stetig steigende Anforderungen an die Spieler stellen.


Als weitere Vorgabe für die Trainingsvorbereitung bzw. Trainingsplanung gelten drei Lernstufen:

  1. Spaß und Spielen mit Ball
  2. Spielen und Üben (Spielreihe mit Übungsreihen)
  3. Spielen und Üben in Spielsituationen

Damit steht das didaktisch-methodische Konzept:

  1. Ausbildungsziele:
    - Hohe Präzision der Handlungen
    - Situationsangepasste Handlungsschnelligkeit
    - Großes Handlungs- bzw. Aktionsrepertoire
    - Entscheidungsfähigkeit (Wille, Verantwortung, Führungsqualität)
    - Handlungsfähigkeit

  2. Festsetzung der Trainingsschwerpunkte für die einzelnen Leistungs- bzw. Altersstufen nach Fertigkeiten, Fähigkeiten (Koordination, Technik, Taktik, Kondition)

  3. Drei Lernstufen:
    1. Spaß und Spielen mit Ball – handballübergreifende Schulung
    2. Spielen und Üben (Spielreihe mit Übungsreihen) – handballgerichtete Schulung
    3. Spielen und Üben in Spielsituationen – handballspezifische Schulung

  4. Methodische Prinzipien (Trainingsprinzipien):
    1. Vom Leichten zum Schweren
    2. Vom Einfachen zum Komplexen
    3. Vom Individuellen zur Gruppe
    4. Erlernen der Technik vor Einsatz der Technik
    5. Abwechslung
    6. Gezielte Wiederholung
    7. Lern- und Regenerationszeiten beachten

  5. Korrektur der motorischen Merkmale

Entwicklung der Schwerpunkte in den einzelnen Leistungs- bzw. Altersstufen

Ausgehend vom Oberstziel „Spielfähigkeit“ mit den beschriebenen Komponenten gilt es nun die Voraussetzungen der Spielfähigkeit festzustellen und diese dann methodisch bis zum Beginn des Entwicklungsprozesses zurückzuführen.

Wie entsteht die Präzision, wie die Handlungsschnelligkeit? Wie erlangt der Handballer das Handlungsrepertoire? Was sind die Voraussetzungen für Führungsqualität? Und was gilt es zu erlernen, um die Fähigkeit zu erlangen,  richtig zu entscheiden? Z.B.: Beim Stoßen auf die Nahtstelle - Torwurf oder Abspiel!

Die Antworten bringen uns wieder auf die bereits bekannten Einflussfaktoren von Leistung (Spielfähigkeit). Es sind:
  - Koordination
  - Technik
  - Taktik
  - Athletik
  - Wahrnehmung (mit Informationsverarbeitung)
  - Antizipation
  - Talent
  - Persönlichkeit

Vereinfachtes Modell der Komponenten der sportlichen Leistungsfähigkeit nach Jürgen Weineck

Ein Trainingskonzept liegt dann vor, wenn die einzelnen Einflussbereiche gemäß des didaktisch-methodischen Konzeptes in einen über den gesamten Entwicklungszeitraum bis zum Erwachsenenalter reichenden Entwicklungsplan eingearbeitet sind.

Beispiele bieten dazu die spezielle Handballliteratur und besonders der DHB-Rahmentrainingsplan.

Und jetzt neu!

Das sportliche Konzept der HAB (Handballakademie Bayern)

Schlusswort:

Ein Konzept, also auch das Trainingskonzept der HAB, lebt, denn der Handball entwickelt sich weiter. Die Praxis, besonders die Welt- und Europameisterschaften und Olympischen Spiele, zeigen immer wieder neue Trends und damit Entwicklungsziele auf, die besonders im Jugend-Leistungstraining von Bedeutung sind.

Aus der Männer WM 2013 haben wir in das Konzept der HAB folgende drei wesentlichen, methodischen Konsequenzen eingearbeitet:

  1. Aktives Abwehrverhalten:
    - Passwege stören
    - Fintieren
    - Ballgewinne aus der Abwehr (individuell und kooperativ)

  2. Tempospiel:
    - Umschalten + 1. Bis 3. Welle
    - Tempowechsel, besonders gegen nicht formierte Abwehr

  3. Positionsangriff:
    - Individuelle Qualität
    - Angriffsprofile an individuellen Stärken ausrichten
    - Aus einer Auslösehandlung variabel gegen unterschiedliche Angriffsformationen spielen

 

Sponsoren

Kommende Termine

© Handballakademie Bayern e.V.